Jul 01 2008
Natalität-Philosophie der Geburt | Ludger Lütkehaus
Lütkehaus entwickelt hier, vornehmlich in der Auseinandersetzung mit Hanna Ahrendt seine Philosophie der Gebürtlichkeit.
In Abgrenzung zur christlich-abendländischen Tradition, den Menschen auf den Tod hin zu verstehen und das Leben als Geschenk des Schöpfers oder der Erzeuger, für das man dankbar sein muss, zu beschreiben, spricht er vielmehr von der Geburt als dem „unerbetenen Geschenk“.
Die Konsequenz aus diesem Wechsel der Perspektive, die mich in meiner Arbeit mit Familien
am stärksten interessiert, ist der Wechsel vom Elternrecht, das sich von Dankbarkeit für das Geschenk des Lebens herleitet, zum Kinderrecht, das Schöpfer und Erzeuger verantwortlich für das Leben und das Wohlergehen der ungefragt Geborenen macht.
Versuche, in der Familiengesetzgebung das traditionelle Elternrecht konsequent durch Kindesrecht zu ersetzen, sind bisher nicht wirklich erfolgreich gewesen.
Ich wünsche mir, dass unser Familienrecht in Richtung Kinderrecht weiterentwickelt wird.
Das Buch ist sehr anregend. Es lädt zur Auseinandersetzung mit der eigenen Einstellung zu Geburt und Tod, zu Schöpfern, Eltern, und den eigenen Kindern ein. Auch für philosophische Laien ist es gut verständlich geschrieben. Sehr zu empfehlen.
Ein Kommentar




Lieber Eberhard,
nach Deiner Empfehlung habe ich dieses Buch gelesen und mich in der Tat anregen lassen von der Art, sich selbst ein Stück “neu” zu sehen und zu verstehen. Das Infrage stellen der Selbstverantwortlichkeit und Freiheit der eigenen Existenz jetzt im Erwachsenenalter und die Konsequenzen, die sich daraus ergeben können/könnten, schärft den Blick und die Wahrnehmung für den bereits zurückgelegten Weg. Zu entscheiden, welche Bedeutung dem bisher Erlebten, dem Empfundenen zu geben ist, es abzugleichen mit der Wertehaltung des bisherigen Lebens und der Überprüfung der Stimmigkeit mit dem Blick auf Zukünftiges, stellt sich aus einer neuen Perspektive. Wenn wir leben und fühlen, dann befinden wir uns immer im Jetzt, und das ist das “Dazwischen”. Am Anfang unsere Geburt, dieses ungefragt in die Welt gebracht worden sein und zu diesem Zeitpunkt mit noch nicht “bewußt” lebbarer Spontaneität und Freiheit ausgestattet, wie ein unbeschriebenes Blatt. Und der Zeit vor dem Ende, wenn unser Tod unsere Bewußtheit wieder auflösen wird und wir uns dann vielleicht die Frage stellen “was war was jetzt, mein Leben?” und “was hab ich mit dieser Spontaneität und Freiheit zu leben gemacht?”
Auch ich begrüße Deine Idee sehr, ein “Kinderrecht” in dem Bewußtsein aller Erwachsenen reifen zu lassen, damit diese Spontaneität und der Anfang von Freiheit auch tatsächlich entwickelt werden kann. Damit die Spontaneität und Freiheit sich zu bewegen und zu leben der Raum wird, der als persönlich und selbstverantwortet erlebt werden kann und darf. Vielleicht könnte auch nach langer Zeit der Entwicklung (mehrere Generationen?) dieser Perspektive mehr gelebte Klarheit in den persönlichen Entscheidungen, ob die positiven oder negativen Gefühle gelebt werden und wie ich mich in Beziehung zu meinen Mitmenschen setze, entstehen.