Nov 30 2009
Das “Spielen” in Therapie und Beratung | Warum systemisch? | zum Vierten
Bedeutung von szenischem, spielerischem Handeln
Die meisten Menschen kennen Rollenspiele aus eigener Erfahrung. Als Kind gehört es zur Selbstverständlichkeit soziale Kompetenzen im Rollenspiel zu erlernen und zu trainieren. Kinder bedienen sich ihrer Fantasie und befinden sich noch in der magisch-animistischen Phase. Die Geschichten die sie hören und die Modelle, die sie in ihrer Familie/Umfeld erleben, spielen sie auf vielen Ebenen kreativ und fantasievoll nach. Sie sind z.B. Mutter-Vater-Kind, Prinzessinnen, Indianer, Cowboy, Supermann und Räuber, in Computerspiele nutzen sie Figuren aus der fiktiven, medialen Welt. Sie gestalten ihre reale Spiel-Welt mit Figuren (Lego, Bauklötze, Puppenhäuser, Puppen, Tierfiguren), stellen Bühnen her, verkleiden sich und spielen im Internet Interaktionsspiele.
Als „Spieler“ tauchen sie in ihr Spiel ein und ihre dort eingenommene Rolle beschreibt zu diesem Zeitpunkt ihre Wirklichkeit. Sie vergessen ihre Alltagsrolle, stellen sich ständig neuen Aufgaben und Herausforderungen und haben Spaß dabei. Der Effekt ist, so neben bei, dass sie bestimme Fertigkeiten im sozialen Umgang miteinander lernen und sich spielerisch neues Wissen über komplexe Zusammenhänge aneignen.
Im Reifungsprozesses vom Kind zum Erwachsenen verändern die Menschen ihre Art zu Denken. Das magischen Denken verliert an Relevanz, das rational-logische und operative Denken nimmt zu. Begegnet Erwachsene wieder Unbekanntes, Unverständliches, Verunsicherndes, mit Gefühlen der Hilflosigkeit einhergehende oder aufregende Situationen, dann greifen sie manchmal wieder auf magische Bewältigungsstrategien zurück. Wir alle kennen Horoskope, Maskottchen, Traumfänger, Schutzengel und das Klopfen auf Holz.
Wirkungshintergrund
Der evolutionäre Schritt zur Sprache und selbstreflexivem Bewusstsein hat es uns Menschen erlaubt, unser Ich von sich selbst und der Außenwelt abzuheben. Wir können uns selbst – Körper, Denken, Gefühle, Verhalten usw.- wie einen Gegenstand zu betrachten. Dadurch entstand ein innerer, weitgehend symbolischer Vorstellungsraum, der es uns ermöglicht, unser Leben voraus zu planen und zu üben, als ob zu handeln. Der innere Vorstellungsraum ist dabei ein Raum, in dem innere Begebenheiten herum-stehen, vorgestellt, angeschaut und begriffen werden, etwas im voraus durch-gegangen wird usw.
Das Spielen (Berater nennen dies Externalisieren) stellt genau diesen inneren Vorstellungsraum im außen dar. Beim Externalisieren werden innen befindliche Gefühle, Gedanken und Beschreibungen eigenen Verhaltens nach außen verlagert (projeziert). Dort werden sie entweder virtuell als Worte oder real als Objekte oder Personen dargestellt (Gedanken, Gefühle werden objektiviert, verdinglicht, versachlicht, distanziert). Die Folge ist, dass Menschen ein anderer verhaltensmäßiger, sprachlicher, affektiver und kognitiver bzw. logischer, symbolischer oder realer Umgang mit diesen Objekten ermöglicht wird.
Die meisten Sinneskanäle werden gleichzeitig angesprochen: Aussprechen entgegen innerer Dialoge, sehen der Figuren entgegen innerer Imagination, anfassen der Figuren entgegen ruhender Sensorik, spontan handeln entgegen verharren. Es entsteht eine sehr gute Passung zwischen innerpsychischem und äußerem Geschehen entgegen der rein sprachlichen Abbildung.
Wirkfaktoren
Wird auf diesem Hintergrung mit Klienten gearbeitet, so ist es wichtig, dass dieser so viel wie möglich selbst „macht“ und das er stets eigenverantwortlich bleibt. Zirkuläres Fragen hilft dabei ihm gegenüber neutral und offen zu bleiben. Er erlebt real, wie er seine Gedanken und Gefühle in den Händen hält und damit umgeht, er erlebt sinnlich die Macht seiner Gedanken und deren Tat-Werdung. Dadurch verschwinden augenblicklich alle Gefühle der Hilflosigkeit oder des Keine- Kontrolle-über-das-Problem-Habens. Die Klienten werden vom passiven Problemopfer zum aktiven Lösungshelfer (Retzer) und das gänzlich ohne Direktiven.
Der Vorteil aller Rollenspielarten, die in der Therapie und Beratung eingesetzt werden ist die Erkenntnisgewinnung für sich selbst und das Verstehen von Zusammenhängen im Beziehungsgeschehen. Dies wird nicht nur im Kopf, d.h. kognitiv (rational-logisch) hergestellt. Die Erkenntnis, im Spiel, bzw. Handeln erworben, „sickert“ vielmehr vor dem bewussten Erkennen schon durch alle Wahrnehmungskanäle. Sie werden im Körper verankert und können direkt wirken. Vorher festgelegte Programme und Verhaltensmuster werden quasi ohne vorherige Planung automatisch um- und weiter geschrieben. Die Wirkungen treten oft unglaublich schnell ein, scheinbar so, als instruiere ein System sich augenblicklich selbst zu einem neuen Zustand hin, als habe man es mit einer plötzlichen Entscheidung für das Neue zu tun. (Autopoiese)
Praktische Umsetzung
Das stärkste Instrument ist der eigene Körper, der sich konkret handelnd, “inszenierend” hinein versetzt in
- andere Personen (Mutter, Chef, Partner, Freund, Kind, Kollege, Kunde, … )
- Gefühle (Trauer, Angst, Liebe, … )
- Ideen (neue Berufsrolle, Urlaubsziel, … )
- Erinnerungen (Prüfungssituation, … )
Beim Hinstellen und Bewegen von Figuren nimmt der Klient das eigene innere Bild (seine Vorstellung von etwas) in seine Hände und externalisiert es damit nach außen, z.B. mit
- Steinen
- Puppen
- Kissen
- Stühlen
Beim Visualisieren, Imaginisieren spricht der Klient über seine inneren Bilder. Er projeziert und beschreibt diese über die Sprache, z.B. wie auf eine
- Leinwand
- oder in einem Film



